Das Betrachten von Dias als Mittel des Strafvollzugs ist seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts immer wieder diskutiert worden. So wie es intensive Diskussionen darüber gab, ob der elektrische Stuhl mit Gleich- oder Wechselstrom betrieben werden solle, um schmerzloser zu töten, gab es einen lebhaften öffentlichen Diskurs zu der Frage, ob besonders verabscheuungswürdige Verbrechen nicht besonders hart bestraft werden sollten. Einige Staaten in den USA führten deshalb die Hinrichtung durch Diabetrachtung ein, "bis das der Tod" einträte.
Allerdings war diese Form der Bestrafung in der Öffentlichkeit umstritten, weil kontrovers diskutiert wurde, wie ein schöner Brauch der bürgerlichen Mittelschicht als Strafe für einige versprengte Mitglieder der menschlichen Gemeinschaft eingesetzt wurde. Eine Reihe von Gesetzgebungsänderungen ("Positive Law of Transparencies" von 1949) führte dann dazu, daß der extensive Dia-Abend als Foltermethode für die Erpressung von Geständnissen eingeführt wurde, die dann ihrerseits auf den elektrischen Stuhl führten. Die Ehre des Dia-Abends war damit zum Teil rehabilitiert, weil er zwar noch als grausam, aber nicht mehr als tödlich galt.
Die Galerie für Kulturkommunikation ist stolz darauf, einige echte historische Hinrichtungsgeräte in ihrem Bestand zu haben.
Dia-Showdown – vom Schlaf- zum Strafmittel
Ein Essay von Sonja Körtgen und Rainer Strzolka
Im frühen 20. Jahrhundert war der Dia-Abend zunächst nur als wirksames Sedativ an öffentlichen Schauplätzen wie Schulen und Seminaren ins Leben gerufen. Schon bald setzte der Dia-Projektor seinen unaufhaltsamen Siegeszug in die privaten Lebensbereiche fort.
Seit es mobile Foto-Apparate zu kaufen gab, eröffneten sich der gemeinen Hausfrau und Gattin ganz neue Möglichkeiten, aus ihrem gesellschaftlichen Schattendasein zu treten und sich im Rampenlicht allgemeinen Neides wie des Blitzlichtfeuers zu sonnen. Es war alles ganz einfach. Mit einem bisschen künstlerischem und akrobatischem Geschick ließ sich spielend aus dem heimischen Garten ein exotisches Pflanzenambiente zaubern. Ein kleiner Brokkoli (Brassica oleracea var. silvestris L), kunstvoll vor dem Gartenteich in Szene gesetzt, wuchs optisch zu einem erhabenen Tropengewächs heran. Aus dem vor der Hollywoodschaukel mit der Mistgabel posierenden Opa Herrmann wurde im Gegenlicht der Niederpomsdorfer Abendsonne mühelos die Silhouette eines feurigen Gondoliere. Plötzlich sah man überall mit kleinen zieh-harmonikaförmigen Kästchen ausgestattete Menschen durch Gehölze kriechen und seltsame Turnübungen vollführen. Wir haben der Photographie somit die Geburtsstunde der Freiluftkultur – der Vorläuferin der Freikörperkultur – zu verdanken.
Das Diapositiv wurde zum gesellschaftlichen Ereignis, der Jagd vergleichbar. So wie zuvor das Gehörn wehrlosen Tieres als Trophäe gezeigt wurde, wurden nunmehr Dias gezeigt. Den in winzige Metallrähmchen gepressten Stücken beschichteten Zelluloids wohnte ein eigener Zauber inne, den totes Photopapier niemals erreichen konnte. Durch das unregelmäßige Flackern der Projektionslampe sah es aus, als bewegten sich die Bilder. Dies galt auch für die Zuschauer, wenn das Diapositiv, um die Begeisterung der Betrachter zu steigern, für eine lange Zeit im Projektor verblieb, um dann irgendwann in Flammen aufzugehen.
Es war beinahe wie im Lichtspielhaus. Das blinde, schläfrige Dunkel des Raumes, das schleifende Klacken des Projektors und das mechanische Krachen, welches entweder von in Mündern zerbrechendem Salzgebäck stammte oder aber von zerbrechenden Dia-Rahmen, weil die Fertigungstoleranzen für solche Teile damals noch erheblich größer waren als heutzutage. Es ist überliefert, dass manche Teilnehmer das Zerbersten der Rahmen als willkommene Unterbrechung der langen Erklärungen der Gastgeber schätzten, die in vielen Details erläuterten, was man auf diesen Bildern sehen könne und vor allem, was nicht und weshalb nicht: Meist war das Motiv zu weit weg oder zu nahe, zu hell beleuchtet oder nicht hell genug beleuchtet, um sichtbar werden zu können, allerdings wurden sicherheitshalber trotzdem Bilder gemacht, auf denen nichts zu erkennen war. Aus persönlichen Briefdokumenten aus jener Zeit ist überliefert, dass vielfach gar nicht die Dia-Abende als besonders schön galten, sondern die unregelmäßig langen Pausen zwischen den einzelnen Dias, in denen man sich der Müdigkeit hingeben konnte, die Augen ein wenig schließen und von wirklich sehenswerten Bildern träumen konnte, ohne die Gastgeber zu beleidigen, die nach 880 Bildern Schwarzwald noch mehr als 3000 Bilder von Norderney zeigen wollten, einzig um zu zeigen, dass Meeresluft wirklich müde mache. Wer wirklich Kinderstube besaß, entwickelte Übung darin, in vernünftigen Abständen ein staunendes Ah und Oh hören zu lassen, ohne wirklich wach zu werden.
So hätte der Dia-Abend sich über Jahrhunderte völlig ungefährlich als ein gesellschaftliches Ritual entwickeln können, welches vollkommen sinnentleert ist. Man wäre so alle paar Monate zu einem Dia-Abend gegangen, wie man seine Kinder taufen lässt, ohne sich die geringsten Gedanken darüber zu machen, weshalb man so etwas tut. Plötzlich aber häuften sich mysteriöse Todesfälle, die eine Gemeinsamkeit aufwiesen: sie fanden allesamt in unmittelbarer Nähe eines Dia-Projektors statt. Gesunde kräftige Männer, schöne Frauen in der Blüte ihres Lebens – exitus letalis durch plötzlichen Herzstillstand. Ursache ungeklärt. So stand es in vielen tausend Totenscheinen. Obduktionen ergaben weder einen Hinweis auf brutale Gewalteinwirkung, Strahlenvergiftung noch auf organische Dysfunktionen, die zum Tod hätten führen können. Kriminologie, Viktimologie und Medizin standen vor einem Rätsel. Es ergab sich die These, dass eine Über-Diasierung ursächlich gewesen sein könnte. Allerdings war der Aspekt nicht erklärbar, dass sämtliche Todesopfer nur in sekundärem Kontakt zu den Dia-Projektoren gestanden hatten, da keines selbst ein solches Gerät besessen hatte. Lediglich ein Mann, Ende 50, war an Heiligabend gestorben, direkt, nachdem ihm seine Schwiegermutter ein solches Gerät mit den besten Wünschen überreicht hatte. Alle Opfer hatte nur als Gäste den Dia-Abenden ihrer sogenannten Freunde beigewohnt. Offenbar lag ein ähnliches Phänomen vor wie beim Passiv-Rauchen, welches ein höheres Risiko darstellt als das aktive genüssliche Rauchen. Doch konnte kein Beleg für die Unterstützung dieses Verdachtes gefunden werden. Die erstarkende Wissenschaft von der Psychologie untersuchte die Frage, ob es möglich sei, einen starken gesunden Menschen mittels einfacher visueller Eindrücke zu töten. Und falls ja, wie mussten diese Eindrücke beschaffen sein? In zahllosen Schlaflabors wurden unter der Tarnkappe der Insomnia-Therapie lichtlose Räume mit Dia-Projektoren ausgestattet, die man mit ebenso lichtlosem Bildmaterial fütterte. Hintergrund der Studien war, die Reaktionen der Probanden durch gezielt ausgewählte Motive zu untersuchen. Der populärste Versuchsaufbau bestand darin, einer Serie langweiliger Landschafts- und Tieraufnahmen in unregelmäßigen Abständen ein emotional aufwühlendes Bild folgen zu lassen, welches die auf Standby heruntergefahrenen Vitalfunktionen der Probanden schlagartig ins Gegenteil ausschlagen lassen sollte.
Bei der Motivwahl für die durchschnittlich 2500 Bilder umfassenden Testsitzungen bediente man sich zunächst des bewährten Lehrmaterials der örtlichen Schulen, warf Bild auf Bild an die Wand und reihte Amsel an Drossel an Fink an Star. Nach jeder Serie von 250 nahezu identischen Schwarz-Weiss-Vögeln oder Köln-Nippes im Smog erschien für ein paar Sekunden das Bild eines Leinwandhelden, Sexsymbols oder begehrenswerten Automobils. Zunächst verliefen die Tests erfolgreich, wenngleich auch nicht tödlich. Die Zuschauerinnen reagierten ähnlich wie erhofft und verfielen auf Knopfdruck in einen emotionalen Ausnahmezustand, der sich in animalischem Kreischen Bahn brach, der mit dem Ausdruck finalen Weltschmerzen vergleichbar war. Manche fielen sogar in Ohnmacht, wenn beispielsweise Johnny Weismüller auftauchte, und seine muskelbepackten Arme trichterförmig vor sein stets frisch rasiertes Kinn hielt, um einen lautlosen Brunftschrei in den Urwald zu entlassen. Ähnlich reagierten die männlichen Probanden auf im Scheinwerferlicht funkelnde Coupes von Marken, die auch dem Urwald entsprungen zu sein schienen, beispielsweise Jaguar. Wenn sich lüsterne Blondinen unmotiviert auf den Motorhauben räkelten, gerieten die Zuschauer ausser Rand und Band. Man verzichtete bewusst auf eine Vertonung der Bilder, da man sich vorerst ganz auf die Erforschung der visuellen Wirkung konzentrieren wollte.
Doch auch ein lianenschwingendes Sex-Symbol, selbst mit nur rudimentären Sprachkenntnissen wie Tarzan, wirkt letztendlich nur als ganzheitliches Sinneskraftpaket. Anfangs schreckten die Testpersonen noch aus ihrer Schlafstellung auf, und fingen wie erwünscht an zu kreischen, und ausser sich vor Erregung jene Laute von sich zu geben, deren sich die Waldikone selbst nicht bedienen durfte. Doch schnell trat ein Gewöhnungseffekt ein. Bald schon vermochte Weissmüller niemanden mehr aus dem Dämmerzustand zu reissen; nicht einmal Jane. Er wurde gegen andere Leinwand- und Bühnenhelfen eingetauscht, doch auch deren Sterne verglommen schneller im Schlaflabor, als Tarzan eine Banane schälen konnte.
Parallel streute man für die männlichen Probanden Bildmaterial sogenannter Sexgöttinnen ein, die ebenfalls nur ein enttäuschend kurzes Eruieren animalischer Reflexe zu erzeugen vermochten. Sie wurden rasch als ebenso langweilig wahrgenommen wie die real existierenden Götter. Die Forschung zu den tödlichen Ursachen von Dia-Abenden schienen gescheitert zu sein, bis eine unerschrockene Kämpferin gegen Kunst und Kultur, Frau Else W. aus D. in den Versuchsaufbau einbezogen wurde; im Grunde eine letzte Hoffnung und Tante eines Versuchsleiters. Der Lieblingssatz von Else W. lautete: „Kommt, stellt euch zusammen. Ich knips euch mal.“ Else W. knipst oft und viel; am häufigsten ihren vor die Linse gehaltenen Zeigefinger. Fotografieren tat sie nie. Bei der Auswahl der Motive war sie nicht wählerisch. Am meisten knipste sie Onkel Erich, der an einem im Halse steckengebliebenen Holzspießchen aus einer Rindsroulade erstickte. Man kann es auf den Fotos deutlich erahnen, wenn man sich Else Zeigefinger wegdenkt. Hätte sie an diesem Tag die Rouladen so wie immer mit Bindfaden und nicht mit Holzspießlein fixiert, wären ihre Fotoschätze niemals an die Öffentlichkeit geraten und dem Strafvollzug ein probates Mittel zur Verbrechensahndung versagt geblieben. Alle am Todesort von Erich vorgefundenen Gegenstände wurden konfisziert und untersucht. Else, verwirrt über den hohen Besuch, rief „Kommen Sie, stellen Sie sich mal zusammen. Hinter meinen Mann. Ich knipse sie mal.“ Auf diese Weise gerieten nicht nur die Ermittlungsbeamten in den Fokus, sondern auch Else. In den folgenden Tagen der Untersuchungshaft wurde Elses Film entwickelt. Zwar wurde zweifelsfrei festgestellt, dass sie nicht direkt am Tode ihres Mannes schuld war, aber bei jedem Durchlauf der 21 Tante-Else-Finger-Bilder, auf denen man nach einem Hinweis auf den Hergang des Todesszenarios suchte, brach mindestens ein Kriminalbeamter leblos zusammen. Nach dem 8. Durchgang ab es 9 Schwersttraumatisierte und 3 Tote zu beklagen. Eine sagenhafte Erfolgsbilanz zeitgenössischer Dia-Fotografie. Der Siegeszug von Elses Zeigefinger durch die Verhörkammern und Todeszellen war nicht mehr aufzuhalten.
Als besonders effektive und grausame Verstärker erwiesen sich bestimmte Konstruktionen von Dia-Projektoren, die es verstanden, den tödlichen Zeigefinger der Else in ein hochgradig toxisches Licht zu tauchen, welches exakt dosierbar war. Auf diese Weise konnte der Todeszeitpunkt des Delinquenten je nach körperlicher und geistiger Konstitution genau terminiert werden. Bei sorgfältiger Vorbereitung trat der Tod innerhalb einer 1/125 Sekunde ein. Bei Blende 8.