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Fleischgewicht

Seit 100 Jahren ist die Eisenbahnbrücke die einzige Direktverbindung zwischen Solingen und Remscheid. Es ist die höchste Stahlbrücke Deutschlands. Und sie kann mit noch etwas ganz Besonderem aufwarten: Sie ist die Brücke, die Menschen über die Wupper bringt. Vor einem halben Jahr jedoch kappte das Eisenbahnbundesamt die Verbindung, wegen Sicherheitsmängeln. Die Brücke muss nachgerüstet werden. Also setzten sich die Ingenieure der Bahn hin und rechneten. Und rechneten und rechneten. Dann stellte sich heraus: Die Bahn hat sich verrechnet.

 

Die Aufsichtsbehörde gab die Brücke für ein Gesamtgewicht von 72 Tonnen frei. Doch die Züge wiegen leer bereits 70 Tonnen. Grob gerechnet - und unter besonderer Berücksichtigung des Bodymaßindexes - hätten gerade mal 25 Personen statt der zu erwartenden 3.000 mitfahren dürfen.

Nun, das Akademiker sich verrechnen, kennen wir ja seit der A-Klasse, seit der Elbphilharmonie und seit Doktorarbeiten, abgeschriebenen versteht sich. Im Fachjargon: Die Bahn hatte das "Fleischgewicht" vergessen. Leer durften die Züge fahren, aber nicht mit Passagieren. Fleischgewicht gibt’s beim Dönereinkaufen, im Fettrechner-Forum und bei der Exportsubvention, dort allerdings nur bei der Lebendausfuhr.

Im Schlachtfachbetriebsjargon - ist Deutsch nicht eine wunderbare Sprache? -  lautet die exakte Definition für "Fleischgewicht" übrigens: Das Gewicht der vier Viertel des Schlachttieres, auf das der Stückpreis des letzteren nach Abzug des Wertes von Haut, Köpfen, Füßen, Kram Klammer auf Lunge, Leber, Eingeweide etc Klammer zu repartiert wird.

Das muss jetzt keiner verstehen. Denn die eigentliche Botschaft ist klar: Für die Bahn sind wir Kunden nichts weiter als Kilomasse, Abnutzungstäter, Nervensägen - eben Fleischgewicht. Mit dem großen Plus für das Unternehmen: Das Fleischgewicht zahlt für diese Behandlung Geld. Die Bahn rechnet immer noch - mit der Eröffnung der Müngstener-Eisenbahnbrücke. Doch da lauern noch Achsgewicht, Zugführerkelle und Bepolsterung.

                                                       Julia Jakob, mit freundlicher Genehmigung des NDR

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