Katzenmilch !
Eine kultursoziologische Betrachtung von Petra Anna, Hannover

Frage: Welches Glas enthält die einzig echte authentische horrend teure Katzenmilch, und welches Glas enthält eine horrend teure Fälschung? Oder: sind sie alle echt? Oder alle falsch? Und warum heißt ein Katzenfutter für faule untätige Hauskatzen ausgerechnet "Jagdchmaus", in den Geschmacksrichtungen Rind, Fisch, Leber lieferbar; ganz so als würden Katzen Rinder jagen und Leber sei ein eigenes Tier, statt in Rind und Fisch vorzukommen.
Neulich saß auf dem Engelbosteler Damm, wohlerzogen vor einem Tabakwarenladen wartend, ein Hund. Einer dieser Nordstadthunde, nicht so klein, dass man unbemerkt drauftreten kann und nicht so groß, dass er an ein Pony erinnert. Rasselos. Mit der Stirn zur Straße bzw. mir. Auf seiner Stirn klebte ein Heftpflaster, auf das der Spaßhund „Ich bin eine Katze“ geschrieben hatte.
Wieso klebt sich ein zweifelsfrei erkennbarer Hund die Behauptung an, er sei eine Katze?
Mir fiel als Grund nichts Besseres ein als sein dringlicher Wunsch, kein Hund, sondern eine Katze zu sein.
Was macht es aus Hundesicht so wünschenswert, Katze zu sein? Oder ist es das Katzenleben, das dieser Hund sich wünschte?
Seit Tagen beschäftige ich mich nun gelegentlich damit, wie Katzen leben oder sind.
Der Kater, der manchmal, wenn seine Besitzer im Urlaub sind, bei mir unterkriecht, ist ein ziemlich zickiger alter Sack. Schwarz, mit Hängebauch, faul und bewegungsarm.
Er ist nicht davon abzubringen, dass ich mich, wenn ich nach Hause komme, als erstes um ihn zu kümmern habe, heißt: bespielen. Das sehe ich nicht ein, schon aus Prinzip nicht, und deshalb verbringen wir die gemeinsame Zeit damit, das Spiel „Mal kucken, wer hier den dickeren Kopp hat“ zu vervollkommnen.
Nein, ich werde nicht aufstehen (auch wenn mir danach wäre), nur weil ein blöder Kater miezt und maunzt. Bleib ich eben so lange im Bett, bis das Katzentier aufgibt.
Beim Essen – beim Katzenessen – gibt es ebenfalls Umstellungsschwierigkeiten.
Der Kater bekommt - eigentlich - Diät.
Die Feuchtvariante ist schweineteuer und gibt es nur in minimalistisch kleinen abgepackten Portionsdöschen. Vermutlich darf er aussuchen, ob er lieber Lachs mit Kaviarbutter, Jägerschmaus oder Hasenfiletspitzen zu sich nimmt. Das gibt`s bei mir nicht. Es ist mir nämlich egal, ob der Kater sein Feuchtfutter bis zum den Lachs produzierenden zertifizierten Bio-Bauernhof zurückverfolgen kann oder nicht. Dabei habe ich noch nicht mal ein schlechtes Gewissen: der Kater kann nämlich nachweislich nicht lesen und im Übrigen wäre er auch nicht in der Lage, zu dem Bio-Bauern hin zu kommen, der seinen Lachs oder Jägerschmaus produziert hat. Er ist zu faul und traut sich nicht, über so unbekannte Untergründe wie Schnee oder Matsche-Pampe zu laufen.
Die Trockenvariante ist ebenfalls schweineteuer. Sie gibt es in etwas größeren Portionen, muss aber nach Anweisung der Katerbesitzer mit einem Messbecher, die 20 gr. umfassen, zugeteilt werden. Dafür ist das Futter wohl sehr hochwertig – extra für Senioren-Katzen, die sich wenig bewegen. Der Kater ist aber nicht alt – er ist nur faul und träge und sollte einfach mehr Bewegung und weniger Essen haben.
Armer Kater! Es gibt also ganz normales billiges Katzentrockenfutter aus dem Supermarkt und zwar ein Schüsselchen voll – nix mit 20 gr. oder abwiegen.
Ein, zwei Tage tut das Katzentier so, als habe es überhaupt keinen Hunger und macht einen großen Bogen um sein bzw. mein Katzenfutter. Gelegentlich versucht er, mir ein Leberwurste- oder Schinkenbrot aus der Hand zu schlagen. Klappt nicht – dann setze ich nämlich die Sprühflasche mit dem Wasserschauer ein.
Nach maximal zwei Tagen ist der Hängebauch etwas kleiner geworden und das Billigkatzenfutter schmeckt plötzlich. Und das Katzentier frisst nicht obergierig alles auf, was in der Schüssel ist.
Auch mit Getränken üben wir. Es gibt – obwohl mit dem Kater vorsorglich mitgeliefert – weder Katzenmilch (was soll das sein?) noch Katzen-Actimel noch verdauungsfördernden Katzentee.
Dem schwarzen zickigen Kater geht es immer besser – er trinkt mittlerweile normales Leitungswasser und jault auch nicht mehr immer rum, sobald ich die Kühlschranktür öffne.
Nach etwa einer Woche haben sich der Kater und ich aneinander gewöhnt. Er benimmt sich so, wie eine Katze sich bei mir zu benehmen hat: Geht morgens raus und kommt bald wieder rein. Ich habe ihn im Verdacht, gelegentlich nicht nur Fliegen zu jagen. Er frisst, was auf den Tisch bzw. in seine Schüssel kommt und er hat kapiert, dass nicht ich seine, sondern er meine Katze ist.
Leider kommen dann regelmäßig die Besitzer des Katzentieres wieder. In deren nächstem Urlaub werden der Kater und ich also alles wieder neu üben.
Dem Hund auf dem Engelbosteler Damm werde ich raten, vom Wunsch, eine Katze zu sein, Abstand zu nehmen.