Kur-Ort
Ein Dia-Abend

Kur-Orte haben es in sich. Sie sind die Aufbewahrungsbehältnisse für Kur-Schatten, die meistens mehr Ärger als Sonne bieten und ihre Schattenliebhaberinnen mit Ekzemen, Flechten oder Fußpilz infizieren.
Kur-Orte werden im Kur-Schritt bewandert, was im Grunde dem unbeweglich-auf-der-Stelle-stehen sehr ähnlich ist. Wer eine Vorstellung davon haben möchte, wie man sich angemessen in Kur-Orten bewegt, der stelle sich entweder das pure Nichts vor, oder besuche ein Schwimmbad morgens um sechs Uhr, wo Rentner an Rentner dicht gesellt unbeweglich im Wasser liegen wie ansonsten nur die Walrosse in Gottes schöner unbeseelter Natur.
Kur-Orte sind teuer. Eine Portion Pommes Frites, fettig, kostet leicht 3 Euro, Ketschup oder Mayonaise 60 Cent extra. Ein kleiner Hering mit Bratkartoffeln, fettig, 19,80 Euro. Wie wäre es mit einem kleinen Frühstück, bestehend aus einem Aufback-Brötchen, einem Croissant, fettig und einer Tasse Instand-„Kaffee“, sowie ein wenig Marmelade und Diät-Margarine? 15,80 bitte. Ein Besuch im Schwimmbad? 39 Euro bitte.
Um die Nerven der Kur-Gäste zu schonen, ist im Kur-Ort alles verboten. Drachensteigen: verboten. Radfahren: Verboten. Nacktbaden: Verboten. Nur Hunde dürfen überall hin, auch an den hundefreien Strand. Kur-Karten werden von Privatwachleuten in schwarzen Uniformen kontrolliert, die mit bösen Maßnahmen drohen, wenn jemand das Meer betrachtet, für dessen Existenz weder die schwarzen Sheriffs, noch die Kurverwaltung einen Finger gerührt haben.
Das herrschende Element des Kur-Ortes ist die Sauberkeit, die vielfach in allen nur erdenklichen Erscheinungsformen von Seife auf den Betrachter kommt. Es ist gewissermaßen eine saubere Sauberkeit. Ein richtiger Kur-Ort riecht eher nach Kernseife als nach Meer. Kur-Orte werden von Besen dominiert, die entweder in Form von künstlichen Borstensammlungen oder aber in Gestalt von Zimmerwirtinnen auf den Kur-Gast kommen. Die Zimmerwirtin hat manchmal einen Mann, der sich zum Kur-Gast ungefragt an den Tisch setzt und davon erzählt, wie er andere Kur-Gäste vergrault hat, etwa, weil sie erotische Urlaubsbekanntschaften fanden. Der Lieblings-Satz des Mannes der Zimmerwirtin lautet: „Wo kämen wir denn hin, wenn das jeder täte, häh?“
In Kur-Orten ist Video-Überwachung erwünscht. Niemand soll sich unbeobachtet einfach erholen können. Kur-Orte? Kann man mögen. Muß man aber nicht.